Wie lebe ich als Oblatin die drei Säulen benediktinischen Lebens: Ora, Labora und Lectio Divina?

Ich bin seit zehn Jahren Oblatin im Kloster Köln Raderberg. In diesen zehn Jahren ist die größte Regelmäßigkeit meines Alltags die Veränderung, dadurch ist es all die Jahre für mich eine große Herausforderung gewesen, täglich eine Zeit für Gebet und Lesung zu finden, Arbeit gibt es dagegen immer genug. Mein Mann ist Berufsschullehrer, drei von unseren vier Kindern studieren inzwischen, einer geht noch zur Schule. Der Wechsel zwischen Schul- und Ferienzeiten sowie die Veränderungen mit vier heranwachsenden Kindern, die ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde sowie das Hineinwachsen in eine Berufstätigkeit entspricht wahrlich nicht einem klösterlich geregelten immer gleichen Tagesablauf. Es erfordert vielmehr ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassung.

Gebet

Schon vor meiner Oblation war das Gebet für mich wichtig, in ihm fühlte ich mich Gott nahe und gerne verbrachte ich Zeiten in der Stille und innigen Gemeinschaft mit ihm. Taizé-Gebet und Gottesdienst waren mir selten langweilig oder eine Pflicht, sondern Zeit der Begegnung mit Gott. Mit großer Freude gestaltete ich besonders Kindergottesdienste und lernte Gitarre, damit ich Gottesdienste und Andachten auch auf diese Weise verschönern konnte. Bei jährlichen Einkehrtagen im Kloster hatte ich viel Freude am gesungenen Stundengebet und bei der lateinischen Version reichte mir allein das Lauschen auf den gregorianischen Choral, um meine Seele auf Gott auszurichten.

Mit meiner Oblation sollte das Stundengebet nun zu meiner täglichen Aufgabe werden. Das stellte mich vor die Herausforderung, hierfür eine Zeit in meinem Tagesablauf zu finden. Ich besaß die kleine Ausgabe des römischen Stundenbuches und versuchte eine Zeit lang die Laudes, dann die Vesper und auch einmal die Komplet zu beten. Aber das Gebet war immer schwierig. Ich spürte, dass ich die Liturgie des Stundengebetes besser verstehen musste und eine intensive Beschäftigung mit den Psalmen war auch nötig. Aber für jemanden wie mich, dem die wortlose Stille mit Gott als Gebet ausreichte, blieb das Psalmengebet letztlich sperrig. Also war wohl auch hier Flexibilität gefragt und ich begann zu variieren: Stille, Taizé-Gesänge oder Anbetung konnten wohl gut eine Zeit mit rezitierten Psalmen ersetzen, Hauptsache möglichst täglich beten.

Vor sechs Jahren, bei einer Einkehrwoche im Kloster, fehlte auf einmal die Gebetshilfe von oben, mein Gebet blieb trocken. Die Stille war still, weiter nichts. Das Gebet wurde vielmehr anstrengend, die Konzentration darauf schwierig. Und das blieb so. Es zeigte sich schnell, dass dieser Zustand nicht nur mein Gebet betraf, sondern meine ganze Beziehung zu Gott. Es war, als wäre er nicht mehr da, als gäbe es ihn überhaupt nicht. Trostlosigkeit und Dunkel statt lebendiger Beziehung. Heute weiß ich, dass Gott gut für mich gesorgt hat. Mein Beichtvater und die Schwestern in meinem Kloster kannten solche geistlichen Zustände. Ich war nicht allein und konnte mich aussprechen, für meinen Schmerz Worte finden, Hilfe erfahren. Ich las „Die Dunkle Nacht“ von Johannes vom Kreuz, vieles von dem, was er schrieb, passte. In dieser Zeit begann ich das Stundengebet mit dem TeDeum. Jeder Tag fix und fertig aufbereitet. Einfach den passenden Tag aufschlagen und beginnen. Weniger Psalmen, dafür Impulse, das half. War das Gebet? Nun, es war zumindest das, was ich tun konnte. Ich lernte neu, dass Gebet ein Geschehen zwischen zwei Personen ist, zwischen Gott und mir, und dass das, was ich ins Gebet einbringe, nur sehr gering ist. Johannes vom Kreuz lehrte mich, dass Gebet nichts mit Gefühl zu tun hat, sondern mit der täglichen treuen Hinwendung zu Gott. Das Stundengebet mit dem TeDeum wurde zu einer wichtigen Zeit am Tag, ich begann im Gebet auf Gottes Wort zu hören. Nach einem Jahr besserte sich der Zustand wieder. Vorsichtig erfreute ich mich an der neuen und tieferen Beziehung zu Gott. Es war immer noch schwierig, eine passende Zeit für das Gebet am Tag zu finden, aber mit dem TeDeum war ich jederzeit bereit und 10 Min. reichten ja für Laudes oder Vesper aus. Außerdem konnte ich jetzt öfter zum Gottesdienst gehen, die Kinder wurden schließlich älter und neue Freiräume eröffneten sich für mich. Auch beruflich war ich jetzt ständig mit Liturgie beschäftigt und schrieb unentwegt Impulse und Gebete, die ich natürlich auch innerlich nachvollzog.

Aber dann entzog sich Gott wieder. Ich begann von Wüstenzeit zu sprechen, der bekannte Zustand der scheinbaren Gottferne schmerzte zu sehr und die Hoffnung, in einigen Monaten erneut Gott zu spüren, war groß. Wieder galt es, treu im Gebet zu sein, obwohl ich nichts mehr in mir spürte. Ich wurde allerdings damit konfrontiert, dass dieser Zustand härter war, als das erste Mal. Die Wüste war nicht nur trocken, sie war dunkel, und ich begriff, warum die Dunkle Nacht nicht Wüstenzeit heißt. Ich wurde nahezu unfähig, mit eigenen Worten zu beten, nur die Fürbitten bildeten hier eine Ausnahme. Stille wurde unmöglich, sofort bombardierten alle möglichen unsinnigen Gedanken meinen Kopf. Wenn es gut lief, dann kam mir in den Sinn, was ich einkaufen sollte, wenn es schlecht lief, dann füllten hochmütige Wünsche meinen Kopf. Ich fühlte mich ganz unten angekommen. Ich hielt Gott meine leeren Hände hin und war dankbar, dass er mir Worte zum Beten gegeben hatte: Die Psalmen. – Ich kaufte mir das Benediktinische Antiphonale, das meine Schwestern im Kloster beten, ließ es segnen, und begann jeden Tag die Laudes zu beten. Die Laudes steht jetzt am Beginn meiner täglichen Arbeiten. Das Stundengebet ist nicht mehr Aufgabe als Oblatin, sondern Liebes-Dienst, für Gott, für die mir anvertrauten Menschen, für das Heil der Welt – so hoffe ich.

Arbeit

Arbeit ist in unserem jetzt Fünf-Personen-Haushalt immer ausreichend für mich da. Der nie schrumpfende Berg an Wäsche, der immer wiederkehrende Staub und der unersättliche Appetit meiner heranwachsenden Söhne sorgen neben meiner beruflichen Tätigkeit für ausreichend „Labora“ in meinem benediktinisch-weltlichen Leben. Als Oblatin musste ich mir diese Zeit nicht nehmen, sondern gestalten. Stille während der Arbeit erschien mir eine gute Idee. Sie ist mir im Laufe der Jahre immer kostbarer geworden. Aber Elemente wie Stille und stetiges, nicht gehetztes Arbeiten bleiben letztlich hilfreiche äußere Rahmenbedingungen, wenn sie nicht mit benediktinischem Geist gefüllt werden. Nicht umsonst gibt sich Benedikt in seiner Regel so viel Mühe, den Arbeitstag zu einem geistlichen Geschehen im Sinne des Opus Dei werden zu lassen. Mir hat hier die heilige Thérèse von Lisieux geholfen. Eine kleine Figur von ihr steht im meiner Küche über dem Spülbecken. Wenn ich morgens das Frühstück für meine Familie mache, dann schaue ich sie an und denke an den mir so wichtig gewordenen Grundsatz, dass eine kleine Tat, die aus tiefer Liebe getan wird, mehr wert ist, als alle großen Werke ohne diese Liebe zusammen. Also gilt es, das Frühstück wirklich in Liebe zu bereiten: Das Geschirr für jeden ansprechend auf seinen Platz zu decken, die gewünschte Tasse dazu, hier Brot dort ein Müsli, für den einen vegan und den anderen Käse und Schinken (bitte nicht zu dick geschnitten) usw. Und jeden Morgen das gleiche wieder, für alle selbstverständlich und deshalb kein Grund zum Danken. Und so geht es den Tag weiter, sieben Tage die Woche, Jahr um Jahr. Wenn ich an den Tisch-Dienst im Kloster denke, den ich im Refektorium bei meinen Einkehrtagen erleben darf, dann stärkt mich das für meinen Alltag. Die Gleichwertigkeit, die Benedikt bei Tisch-Dienst und Lesung betont, macht aus dieser einfachen Arbeit nicht nur einen Dienst bei Tisch oder einen Dienst für Menschen sondern Gottes-Dienst. Ich habe festgestellt, dass dies für alle Arbeiten gilt: im Haus, als Mutter und im Beruf. Natürlich warnt Benedikt nicht grundlos vor dem Murren. Ich kenne es gut. Aber jeder Tag ist ein neuer Anfang und der Blick morgens auf Thérèse hilft.

Lesung

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der christlicher Glaube keine Rolle spielte. Mein erster Zugang zur Bibel und zum Glauben war daher ein Jesus-Film. Der Film ist mir meine ganze Kindheit und Jugend so deutlich vor Augen gewesen, dass ich im Zeitalter der DVD´s herausgefunden habe, dass es sich um Pasolinis Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ handelte. Dieser Film hat in mir die Sehnsucht geweckt, mehr von Jesus zu erfahren, Gott kennenzulernen. So wurde meine Liebe zur Bibel, zum Wort Gottes geweckt.

Zugleich mit der Vorbereitungszeit auf die Oblation habe ich Theologie im Fernkurs studiert. Exegese bedeutete für mich, die Bibel, die mir Gott näherbrachte, besser kennen und verstehen zu lernen. Als Oblatin kam eine neue Beschäftigung mit der Bibel auf mich zu: Die Lectio Divina. Mein durch das Studium mehr wissenschaftlicher Zugang zur Bibel wurde jetzt zur Zwiesprache und Auseinandersetzung mit Gott in seinem Wort.

So Bibel lesen hatte allerdings Konsequenzen: Wenn ich in der Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums den Satz las: Liebt eure Feinde… (Mt 5,44), passte das nicht gut zu meiner Wut auf bestimmte Menschen und – so muss ich leider sagen – mein schlechtes Reden über sie. Diese Worte ließen sich auch nicht durch das Lesen von Bibelkommentaren, anderen Bibel-Übersetzungen oder Querverbindungen innerhalb der Evangelien verändern. In der Lectio fragte Jesus mich vielmehr durch diesen Satz hindurch: Hast du mich mehr lieb, als deine Wut, dein Recht-haben-wollen, deinen Stolz, die Scham und Mühe der Umkehr? –

Natürlich war es in meinem Leben nicht einfach neben der Zeit fürs Gebet auch noch eine Zeit für die Lectio zu finden. Aber ich war auch hier flexibel: Die Vorbereitung für den Bibelkreis oder später mein Beruf verlangten ja geradezu die Beschäftigung mit der Bibel. Es ist nicht das Gleiche wie die zweckfreie Lesung eines biblischen Buches, aber eine Schwester aus dem Kloster machte mir Mut, die Maßstäbe nicht zu hoch anzulegen und vielmehr mit Geduld beim Wort Gottes zu bleiben. Ich bin sicher kein Profi in der Lectio geworden und Phasen begeisterter Lesung wechselten sich mit Lesepausen ab, aber ich habe die Lesung nie aufgegeben. Ich bin froh, dass die benediktinische Spiritualität so viel Wert auf das Wort Gottes legt. Es ist eine Freude und Ermutigung für mich, den klösterlichen Alltag zu erleben, der vom Wort Gottes durchdrungen ist.

Je dunkler die Nacht wurde, die ich im Glauben lebe, je lichter wurde das Wort Gottes. Es erfüllt mich mit Freude. Ich staune über die tiefe Wahrheit der biblischen Texte. Ich spüre vielleicht nichts mehr von Gott, aber in der Lectio Divina weiß ich: Ich bin nicht alleine, Jesus ist bei mir. Er geht so wie bei den Emmaus-Jüngern mit mir, führt mich und legt mir sein Wort aus. Wie bei den Emmaus-Jüngern brennt dann auch mein Herz und ich spüre tief in mir: Ja, so will ich leben!

 

© Helga Jütten