Ursula Theresa Dippel, Regelmäßig leben

Ursula Therasa Dippel ist Oblatin der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.
Regelmäßig leben ist eine Auswahl aus 73 Texten zur RB, aus einem Manuskript aus den Jahren 2014 – 2015

Prolog

Orientiert an einem geheimnisvollen Buch

Die Regel des Heiligen Benedikt
ist ein unerschöpfliches Buch. Das haben Quellentexte so an sich. Noch nach 1500 Jahren erscheint das Wasser, das aus dieser Quelle strömt, immer gleich, und doch schmeckt es immer wieder so frisch und neu als hätte noch nie jemand daraus getrunken. Immer wieder wird diese Quelle neu entdeckt. Immer wieder stoßen Menschen plötzlich und unvermittelt im Dickicht des Lebenswaldes auf dieses Werk und erkennen auf Anhieb, dass es das ist, was sie gesucht haben. Sie kommen rasch auf den Geschmack. Und manche kommen nie wieder davon los. …

Die Regel des Heiligen Benedikt
hat die Kraft, die Welt zu verändern. Unaufhaltsam verändert sie die Welt ihres Lesers, wenn er bereit ist, sie nicht nur als Stoff wissenschaftlicher Reflexion zu benutzen. …

Es war nicht leicht, einen Anfang zu finden. Als mich einmal ein Mönch fragte, was an meinem Leben benediktinisch wäre und wo die Regel darin vorkommt, musste ich ein Weilchen nachdenken. Dann blieb mir nur die Antwort: „Es gibt eigentlich nichts, was nichts damit zu tun hat.“ Damit ist alles gesagt. Auch dass es unmöglich bleibt, einen erschöpfenden Kommentar über ein unerschöpfliches Werk zu schreiben. Also musste eine Auswahl getroffen werden. …

2 Bevor du beginnst, bete, Er möge es vollenden

Prolog 4: Wenn du etwas Gutes beginnst, bestürme ihn beharrlich im Gebet, er möge es vollenden.

„Wenn du etwas Gutes beginnst…“ Was ist gut und was nicht? Ist Gebet nur etwas für „Gutmenschen“, für die mit den besten Absichten? „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint,“ mahnt ein Sprichwort. Woher weiß ich, dass mein Vorhaben wirklich gut ist und nicht nur gut gemeint?

Benedikt traut seinen Schülern zu, das eine vom anderen unterscheiden zu können. Ob ein Vorhaben wirklich gut ist, muss im Vorfeld geprüft werden. Gottes Segen liegt auf dem wirklich Guten, das nur gut Gemeinte verwirft er. Vor dem „Ich habe es doch nur gut gemeint,“ lag die Enttäuschung, dass die Absicht ins Leere ging, die Zuwendung von dem vermeintlich Begünstigten nicht angenommen wurde, ja oft sogar eine unerwartete schroffe Zurückweisung anstelle eines erwarteten Dankes. Solche Erlebnisse können sehr entmutigend sein und verhindern manchmal weitere gute Taten, die der Welt dann fehlen.

Das Gebet kann nicht zwingend, gleichsam magisch verhindern, dass man auch in bester Absicht am Ende etwas falsch macht. Aber es kann das Gespür dafür schulen, ob ein Vorhaben nur der eigenen Selbstbestätigung dient oder tatsächlich auch der Lebenswirklichkeit des anderen.

Das Gebet selbst prüft auch, ob es dem Beter mit diesem Vorhaben tief und langfristig ernst ist oder doch eher nur eine rasche, nette Idee aus der oberflächlichen Schatulle. Wenn sich Gott damit beschäftigen soll, der ja die höchste denkbare Autorität im Leben eines gläubigen Menschen ist, muss es das Projekt schon wert sein, Ihm damit auf den Wecker zu gehen. Die Beharrlichkeit des Beters selbst ist also die eigentliche Prüfung. Wer die Beharrlichkeit des Betens für sein Vorhaben nicht aufbringt, wird auch keine Vollendung seiner guten Absicht erleben.

3 Lauft, so lange ihr das Leben habt

Prolog 13 nach Joh 12,35: Lauft, so lange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen.

Zeit ist begrenzt, immer und überall. „Was du tun willst, das tue bald,“ sagt Jesus zu Judas als der ihn verraten will. Es gilt aber auch für weniger dramatische Situationen, von denen kein tödlicher Ausgang zu erwarten ist.

Unter Terminkalenderbesitzern hat sich der Begriff vom „Zeitfenster“ eingebürgert. Jeder geht damit um, aber was bedeutet er eigentlich? Dass da ein fester, unverschiebbarer Rahmen ist, in den die angefragte Aktivität passt? Dass sich das Fenster auch wieder schließen kann, wenn andere Anfragen kommen? Dass der Besitzer dieses Fensters es willkürlich schließen kann, wenn es ihm nicht mehr passt? Dass wir nur noch eine Lebensfassade haben, durchsetzt mit mehr oder weniger großen Löchern? Oder dass es einen willkommenen Blick nach draußen gewährt, der uns mit anderen in Kontakt bringt, die sonst unbeachtet vorbei laufen?

Zeit macht Druck, sobald sie in den Blick gerät. Und das ist sie heutzutage nahezu ständig. Alles muss auf die Minute passieren. So lange, bis man völlig ausgebremst wird. Dann bekommt die Zeit auf einmal ein anderes Gewicht. Und plötzlich zählt wieder das pure Leben oder das, was davon übrig ist, nachdem die Schatten des Todes schon danach gegriffen hatten.

4 Jetzt

Prolog 43-44: Noch ist Zeit, noch sind wir in diesem Leib, noch lässt das Licht des Lebens uns Zeit, alles zu erfüllen. Jetzt müssen wir laufen und tun, was uns für die Ewigkeit nützt.

Für Benedikt existiert nur eine maßgebliche Zeit: die Gegenwart. Seine ganze Pädagogik zielt darauf ab, im aktuellen Moment, im Hier und Jetzt und am Ort, den die eigenen Füße gerade berühren, leben zu lernen, die Aufgabe dieses Augenblicks zu erfassen und ihr gerecht zu werden.

Das Gestern ist vergangen, das Morgen noch nicht da. Wichtig ist das Heute. Auf das Heute können wir Einfluss nehmen. Dem Heute können wir uns stellen. Es geht um die Präsenz: darum, jetzt und hier da zu sein. Das schließt nicht aus, die Vergangenheit zu reflektieren und aus ihr zu lernen. Auch nicht, für die Zukunft Visionen zu entwickeln und ihnen entgegen zu streben. Auch das ist wichtig, weil es dem Leben im Hier und Jetzt eine Richtung gibt. Eine, aus der wir kommen, und eine, in die es uns treibt.

Vergangenheit und Zukunft gleichen den Balancierstangen auf dem Drahtseil. Mit ihnen läuft es sich auf dem schmalen Boden, der sich den Füßen bietet, etwas sicherer. Doch unsere Aufmerksamkeit gebührt allein dem Seil. Wer zu oft darüber nachdenkt, wieviel Fallhöhe ihn beim Absturz erwartet, verschwendet seine Energie. Wir wollen doch ankommen. In (der) Ewigkeit. Der Weg dahin führt über die Gegenwart.

7 Ein weites Herz

Prolog 49: Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes

Versprechen besitzen in der benediktinischen Welt einen hohen Stellenwert. Das ganze benediktinische Gemeinschaftswesen basiert auf Versprechen. Ein Gelübde ist nichts anderes als ein Versprechen: „Bei der Aufnahme verspreche er (der angehende Mönch) im Oratorium in Gegenwart aller Beständigkeit, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam vor Gott und seinen Heiligen.“ (RB 58,17) Aber auch dem, der sich auf diesen Weg einlässt, wird etwas versprochen: Ein weites Herz und unsagbares Glück (in) der Liebe. Neben allem, was das benediktinische Leben sonst noch zu bieten hat und wofür es sich sowieso schon zu leben lohnt, findet dieses Ziel des weiten Herzens manchmal kaum Beachtung. Doch es gehört sicher zum Schönsten und Erstrebenswertesten, was einem auf dem geistlichen Weg passieren kann.

Ähnlich wie andere Gottesgeschenke kann man sich auch ein weites Herz nicht selber machen. Aber man kann sich bereit machen für dieses Geschenk, indem man sich einlässt und sich den „Geboten Gottes“ überlässt. Die Gebote Gottes führen automatisch in die Weite, auch wenn sie zuvor einen Gang durch schmale Pforten verlangen. Die Pforte muss durchschritten werden, man darf nicht in ihr stehen und stecken bleiben, was bisweilen nur mit Kämpfen geht. Mit der Zeit aber bekommt man Übung in solchen Kämpfen, und die Pforten lassen sich eine nach der anderen leichter bezwingen. Vor allem macht man die Entdeckung, dass einen hinter jeder dieser Pforten ein Stück mehr Freiheit erwartet. Und das motiviert.

Stück für Stück vermehrt sich so die Weite um und in einem. Weitherzigkeit ist ein Charakteristikum benediktinischen Denkens. Engstirnigkeit hat dort keinen Platz. Benediktinisches Denken lädt immer wieder dazu ein, den eigenen Horizont nicht als das Ende der Welt zu betrachten, sondern auch mit dem ganz Anderen dahinter zu rechnen und ihm Raum zu geben.

40 Alles behandeln wie heiliges Altargerät

RB 31,10-11: Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er (der Cellerar) als heiliges Altargerät. Nichts darf er vernachlässigen.

Dem Benediktiner als solches eignet eine Sorgfaltspflicht, die sich auf alles und jedes bezieht. Nichts darf er vernachlässigen. Alles ist wichtig, alles soll beachtet und mit Würde behandelt werden. Wer das schaffen will, der sollte besser nicht allzu viel besitzen. Sonst wird es schnell unübersichtlich und der Anspruch zu hoch.

Ob der Vergleich mit dem heiligen Altargerät heute noch zieht? Um Jugendliche zu solcher Sorgfalt zu erziehen, wie sie hier gemeint ist, müsste man die Denkrichtung wohl bei den meisten eher umdrehen und ihnen beibringen, dass sie das Altargerät – wenn sie denn je damit zu tun haben – so sorgfältig und aufmerksam zu behandeln haben wie sie ihr erstes Auto pflegen oder die Computerspielesammlung verwalten…

Wo dein Herz ist, da ist dein Schatz. Und wo dein Schatz ist, dort ist dein Herz. (Mt 6,21) Bei Mönchen wird vorausgesetzt, dass ihre große Liebe dem Herrn gehört und dass sie mit allem, was wiederum ihm gehört, automatisch entsprechend liebevoll umgehen. Jemandem, der mit dem Herzen Mönch ist, muss man das nicht beibringen. Aber der Hinweis darauf, dass er deshalb alles andere, was von Gott weiter entfernt zu sein scheint, nicht weniger als heilig ansehen soll, scheint nötig zu sein. Gott will alles in allem sein und allen alles. Deshalb ist er auch überall zu finden.

Benedikt trennt nicht zwischen sakral und profan. Er kennt nur Wirklichkeit.


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