Ora et Labora – eine etwas andere Sicht von Dr. Jean Ritzke Rutherford, Oblatin von Niederaltaich

Die Formulierung „Ora et Labora“ steht zwar nirgendwo wortwörtlich in der Regel St. Benedicts, ist aber seit Jahrhunderten Leitwort für die benediktinische Lebensweise. In meinem Leben als Oblatin, mit einem Fuß im Kloster und dem anderen in der Welt, ringe ich mit dem richtigen Maß, um Gleichgewicht zu halten zwischen Arbeit und Gebet. Die Lösung für mich bleibt, Arbeit als Dienst zu sehen und auch als Gottesdienst, als Gebet.

Manche Oblaten sind professionell aktiv, stehen unter ständigem Druck von Leistung und gedrängten Terminverpflichtungen. Obwohl ich längst im Ruhestand bin, gilt das auch für mich. Misereor hatte dieses Jahr ein schönes Motto für die Fastenaktion: „Heute schon die Welt verändert?“ Ja, der Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zurück zu lassen, als man sie vorgefunden hat , dürfte für viele Oblaten ein Lebensmotiv sein. Wir erreichen dies durch unser Tun, aber auch durch unser Sein – durch unsere Lebens- und Gebetsweise.

Schon von der Familie aus, als gebürtige Amerikanerin, wurde ich durch ein starkes, vielleicht zu starkes, Arbeitsethos geprägt. Vater, Mutter und Großvater arbeiteten alle bei der gleichen Firma – United Airlines – und arbeiteten um die Uhr. Um sich unser neugebautes Haus in einer schönen Umgebung in der Nähe von San Francisco zu leisten, hatte mein Vater immer Teilzeitarbeit zusätzlich zu seiner Stelle als Elektro-Ingenieur gepflegt. Als Managerin der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit nahm mich meine Mutter oft – mangels Kinderbetreuung – mit in die Arbeit, wo ich ihren meist weiblichen Angestellten in der Druckerei assistieren durfte. Großvater und Vater waren Mitbegründer der Gewerkschaft der Firma, für die wir große Loyalität verspürten. Aus einem solchen Elternhaus kommend, strebte ich danach, mich auszuzeichnen durch Arbeitsleistung. Es dauerte sehr lange in meinem Studium und Karriere an der Universität (in Deutschland wo ich promovierte aber auch in Amerika, wo ich an der Universität unterrichtete) bis ich durch gute geistige Begleitung entdeckte, dass ich aus der Arbeit ein Götzen gemacht hatte.

Schon während des Studiums durfte ich im Kloster Niederaltaich unter der Führung von Pater Emmanuel Jungclaussen, OSB, Meditation und das Herzensgebet in Kloster Niederaltaich erlernen. Im Glauben und Gebetsleben war ich nicht weniger ehrgeizig als bei der Arbeit. Es dauerte auch sehr lange, bis ich endlich verstand, dass nicht der Eigenwille sondern der Wille Gottes mich leiten sollte, dass nicht ich, sondern Gott in mir betete und wirkte.

Nach jahrelanger Arbeit mit einem geistlichen Berater verstehe ich, dass ich mich mit meiner Arbeit zu sehr identifizierte. Was mich trieb war der kindliche Wunsch nach Anerkennung, von anderen gelobt und akzeptiert zu werden. Die Erfolge, die durch intensiven Einsatz errungen wurden, führten zu Stolz und Ruhmsucht. Darunter litt meine Ehe und mein Umfeld. Meine Rettung wurden Achtsamkeit und Conversatio morum. Dabei fand ich Hilfe in den Schriften von Evagrius Ponticus, einem Mönch und Theologen aus dem 4. Jh. In seinem Hauptwerk, „Über die acht Gedanken“, lehrt er uns, auf die leiseste Regung des Hauptlasters zu achten, um dann ein Wort aus der Bibel oder anderen Schriften entgegen zu schmettern. Auch die Regel des Hl. Benedikt bietet ein gutes Gegenmittel – die Aufassung von Arbeit als Dienst, Dienst an die Mitmenschen, Dienst an Gott.

Heute sind mein Mann und ich beide Oblaten. Wir verstehen unsere Ehe, unsere Liebe, als gegenseitigen Dienst und Dienst an Gott. Durch Stundengebet und Lectio Divina, durch das Herzensgebet fließt die Gebetshaltung in die Arbeit hinein. Alles ist Hingabe, unser Opfer für Gott. Wir benutzen unsere Gaben um Gott zu dienen, zu verherrlichen. Durch Achtsamkeit nimmt man wahr, wenn das Ego zu sehr mitmischt.

Während die ersten drei Weltkongresse der Benediktineroblaten sich mit dem „Ora“ befassten, war das Thema des 4. Internationalen Kongresses der Benediktineroblaten, der 4.-10. November 2017 stattfand, mehr auf das „Labora“ fokussiert. Es ging um das Tun, um Dienst an anderen und an der Welt. Dies wurde versinnbildlicht dadurch, dass alle Teilnehmer gebeten wurden, einen freiwilligen Dienst beim Kongress zu vollbringen – sei es als Lektor, als Sänger, als Gehilfe beim Kopieren oder aufräumen. Es gab viele Möglichkeiten, sich einzubringen, was die knapp 200 Teilnehmer(innen) auch taten. Durch Ihren Dienst haben sie den Kongress mitgestalten, sich einbringen können. Das Verhältnis zwischen Dienst und Gemeinschaft stand dabei im Vordergrund.

In RB 35,1 heißt es: „Die Brüder dienen sich gegenseitig … den dieser Dienst hat großen Lohn und vermehrt die Liebe.“ Auch wir, die den Kongress ausrichteten, sahen unsere Arbeit als Dienst. Fidelis Ruppert und Anselm Grün, in dem ausgezeichneten Buch „Bete und Arbeite“ weisen darauf hin, dass bei der Arbeit eine „innere Distanz und Freiheit seiner Arbeit gegenüber, die einen befähigt, die Arbeit jederzeit loszulassen“ die richtige Einstellung beinhaltet. Das Leitungsteam vom Kongress 2017 wird im kommenden November zurücktreten, um einem neuen Team Platz zu machen. Für uns ist das eine Befreiung, denn wir werden danach offen sein für neue Aufgaben.

Die Wüstenväter, so belehren uns obige Autoren, pflegten, sich bei der Arbeit zu beobachten und aufkommende Gefühle und Gedanken bei der Arbeit achtsam wahrzunehmen „und auf den Grund zu gehen.“ Diese Praxis hieß nepsis. Da sieht man, dass selbst die Arbeit als Werkzeug des geistigen Fortschritts dienen kann, wenn man sie mit der richtigen Einstellung angeht. Für mich ist es eine tägliche Aufgabe, das Gleichgewicht zwischen „Ora et Labora“ auszuloten. Ich habe gelernt, dass es Tage gibt, an denen ich dies wegen Termindrangs nicht schaffen werde. Auch hier muss ich loslassen. Da ich im Ruhestand bin, kann ich mir auch erlauben, einen gesunden Rhythmus bei der Arbeit zu suchen, einen regelmäßigen Wechsel zwischen Arbeit und Ruhepause, die Tätigkeit wechseln, feste Zeiten für Stundengebet und Lectio Divina einzuhalten. Diese Bemühungen bleiben ein „work in progress“. Ich muss jeden Morgen neu anfangen und mich daran erinnern, dass ich Anfänger bin. Ein fester Tagesrhythmus schafft Ordnung. Innere und äußere Ordnung (um den man sich ständig bemühen muss) schafft Raum für Entfaltung und ein Leben in Gott.

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Literatur:

Fidelis Ruppert, OSB und Anselm Grün, OSB. Bete und Arbeite: Eine christliche Lebensregel.
Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag, 21982.

Evagrios Pontikos. Über die acht Gedanken. Hrsg. und Übersetzt von Gabriel Bunge. Beuron: Beuroner Kunstverlag, 22011.

P. Basilius Steidle. Die Benediktus-Regel Lateinisch-Deutsch. Beuron: Beuroner Kunstverlag, 41980.